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Inhalt
Sitzung am Mittwoch, 23. März 1994
Sitzung am Donnerstag, 24. März 1994
HINWEIS FÜR DEN LESER
Die ,,Ausführlichen Sitzungsberichte`` erscheinen gleichzeitig in den neun Amtssprachen der Gemeinschaft: Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Spanisch und Portugiesisch. Die vorliegende Ausgabe enthält neben den Originalreden in deutscher Sprache die Übersetzung der in anderen Sprachen gehaltenen Beiträge; hinter dem Namen des Redners wird die von ihm benutzte Sprache angegeben: (DA) für Dänisch, (EN) für Englisch, (ES) für Spanisch, (FR) für Französisch, (GR) für Griechisch, (IT) für Italienisch, (NL) für Niederländisch und (PT) für Portugiesisch.
Die Originaltexte sind in der Ausgabe zu finden, die in der Sprache des jeweiligen Redners veröffentlicht wird.
Verzeichnis der Abkürzungen hinter den Namen der Redner mit ihrer Entsprechung in den verschiedenen Amtssprachen
(PSE)
Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas
(PPE)
Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christlich-demokratische Fraktion)
(LDR)
Liberale und Demokratische Fraktion
(V)
Fraktion Die Grünen im Europäischen Parlament
(RDE)
Fraktion der Sammelbewegung der Europäischen Demokraten
(ARC)
Regenbogen-Fraktion im Europäischen Parlament
(CG)
Koalition der Linken
(DR)
Technische Fraktion der Europäischen Rechten
(NI)
Fraktionslos
Die auf der Tagung vom 23. und 24. März 1994 angenommenen Entschließungen wurden im Amtsblatt C 114 vom 25.4.1994 veröffentlicht.
Die als Anhang zum Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften veröffentlichten ,,Verhandlungen des Europäischen Parlaments`` umfassen:
die ausführlichen Sitzungsberichte,
das jährliche Register.
Verkauf Das Jahresabonnement läuft in Übereinstimmung mit dem parlamentarischen Jahr von Anfang März bis Ende Februar des darauffolgenden Jahres.
Bestellungen können sowohl an das Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften als auch an die Verkaufsbüros in den Mitgliedsländern (siehe 3. Umschlagseite) gerichtet werden.
Die Zahlungen sind an das die Bestellungen ausführende Büro zu richten.
Öffentliche Preise in Luxemburg (ohne MwSt.):
Jahresabonnement 1994-1995 ECU 188.
Einzelnummer: Preisfestsetzung von Fall zu Fall mit Preisaufdruck. Versandkosten werden gesondert berechnet.
ECU 12
AMT FÜR AMTLICHE VERÖFFENTLICHUNGEN DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN
L-2985 Luxemburg
Verhandlungen des Europäischen Parlaments Nr. 3-446 März 1994
1. Wiederaufnahme der Sitzungsperiode
Wijsenbeek, Andrews, Napoletano, Díez de
Rivera Icaza, Fitzgerald
2. Dringliche und wichtige politische Fragen
Titley, Van den Broek (Kommission), Green,
Langes, Galland, Boissière, de la Malène,
Bjørnvig, Blot, Van der Waal, Woltjer, Bourlanges,
Ewing, Puerta, Dury, Bonde, Titley,
Barón Crespo, McMillan-Scott, Robles Piquer,
Pangalos (Rat), Bourlanges, Van den
Broek, Barón Crespo, Van den Broek
3. Wirtschaftspolitik
Christophersen (Kommission), Metten, von
Wogau, Ernst de la Graete, Lataillade, Ib
Christensen, Blot, Ribeiro, Papayannakis
4. Begrüßung
5. Wirtschaftspolitik (Fortsetzung)
Pangalos (Rat) Donnelly, Pierros, Bofill Abeilhe,
Patterson, Chr. Jackson, Christophersen
(Kommission), Dessylas
6. GATT
Sir Leon Brittan (Kommission), Stavrou, Spencer,
Pimenta, Görlach, Van Putten, Randzio-
Plath, Peijs, De Clercq, Guermeur, Gollnisch,
Piquet, Hindley, Böge, Porto, Lane, Chanterie,
Maher, Sir Leon Brittan
7. Leitlinien der Haushaltspolitik für 1995
Wynn, Napoletano, Colom i Naval, Cornelissen,
Marques Mendes, Samland, De Clercq,
Duarte Cendán, Wynn, Schmidhuber (Kommission),
Cornelissen
8. Öffentliche Ausschreibung in Wallonien
Vanni d'Archirafi (Kommission), Happart,
Thyssen, Vandemeulebroucke, Vanni d'Ar-chirafi, Vandemeulebroucke, Vanni d'Archirafi
VORSITZ: NICOLE FONTAINE
Vizepräsidentin
(Die Sitzung wird um 16.00 Uhr eröffnet.9
1
&parsep;
Und nun meine Antwort zur inhaltlichen Seite Ihrer Frage. Wie Sie wissen, müssen wir um 11.00 Uhr abstimmen, da während der letzten Tagung über eine Reihe von Berichten nicht abgestimmt werden konnte und wir dies nun zusätzlich im Rahmen dieser Minitagung nachholen müssen.
&parsep;
Eine öffentliche Untersuchung zu THORP wurde uns verwehrt. Durch die Präsidentschaft möchte ich die Kommission auffordern, sich nicht mehr hinter verschlossene Türen zurückzuziehen, transparenter zu sein und uns wissen zu lassen, was die Kommission im Zusammenhang mit THORP tut. Die Menschen in Dublin und Irland sehen den Betriebsstatus von THORP mit wachsender Sorge, insbesondere angesichts der alarmierenden Sicherheitsbilanz von Sellafield. Die Meldung von einem Erdbeben in Wales in den letzten Tagen, ungeachtet dessen, wie klein oder unwichtig es einigen Menschen erscheinen mag, bestürzt und verwirrt die Menschen in meinem Wahlkreis.
Es ist Zeit, daß wir Ehrlichkeit in bezug auf THORP walten lassen. Es ist Zeit für Transparenz. Es ist Zeit, daß die Wünsche der Menschen respektiert werden. Wenn wir ein transparentes Europa, ein Europa der kulturellen Vielfalt, ein umweltfreundliches Europa und ein menschenwürdiges Europa haben wollen, das die Wünsche der Menschen respektiert, darf THORP nicht weiterbestehen, und die Kommission sollte ganz genau sagen, was sie in diesem Zusammenhang zu tun beabsichtigt.
(Beifall)
&parsep;
Ich hoffe, daß dies lediglich mit einer gewissen Orientierung der Sicherheitskräfte zusammenhängt, die vielleicht der israelischen Regierung selbst nicht bekannt ist. Dennoch, Frau Präsidentin, fühle ich mich verpflichtet, Ihnen über diesen Vorfall zu berichten und Sie zu bitten unseren Protest den parlamentarischen Organen der Knesset zu übermitteln.
&parsep;
1
Nach der Tagesordnung folgt die Mitteilung der Kommission über dringliche und wichtige politische Fragen.
Die geführten Verhandlungen waren nicht leicht. Sie waren faktisch komplizierter, als dies bei vorhergehenden Erweiterungen der Fall war; sie verliefen jedoch schneller. Inhaltlich sind die getroffenen Übereinkünfte gewichtig, und unseres Erachtens sind sämtliche betroffenen Parteien damit zufrieden. Obwohl ich über die erzielten Ergebnisse einerseits sehr erfreut bin, werden Sie auch verstehen, daß wir andererseits gleichzeitig recht besorgt sind.
Da über das einzige, noch offenstehende Kapitel, nämlich die institutionelle Problematik, noch keine Einigung erzielt wurde, ist damit die Zukunft der vorläufigen Übereinkünfte leider ungewiß geworden. Nach Ansicht der Kommission darf diese Situation in keinem Fall fortbestehen. Jeden Tag wird die Gefahr grösser, daß die sorgfältig ausgehandelten und ausgewogenen Übereinkünfte ausgehöhlt bzw. untergraben werden. Jetzt ist der Augenblick noch günstig, um den Erweiterungsprozeß zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Eine solche Chance wird jedoch täglich geringer, und wenn diese Chance verpaßt wird, wird dies sowohl in den Beitrittsländern wie in der Union spürbare Folgen haben.
Trotz aller Anstrengungen, die gestern im Rat unternommen wurden, konnte das institutionelle Problem der qualifizierten Mehrheit bzw. - wenn Sie so wollen - der Sperrminorität noch nicht gelöst werden. Diese Verzögerung bedeutet, daß das Parlament Gefahr läuft, nicht mehr über genügend Zeit für eine entsprechende Aussprache zum Thema &dqml;Beitrittsakte&dqmr; zu verfügen. Wie von Herrn Titley richtig bemerkt wurde, obliegt natürlich dem Rat die Verantwortung, daß über das institutionelle Kapitel eine Einigung erzielt wird, was jedoch nicht heißt, daß die Kommission daran weniger interessiert oder davon weniger betroffen ist. Auch die Kommission sähe es nämlich nicht gerne, daß in einer erweiterten Union ihr Initiativrecht dadurch geschwächt wird, daß nun Beschlußfassungsverfahren akzeptiert werden, die eine Lähmung bedeuten.
Die Kommission hat alles getan, was von ihr erwartet werden kann, um angesichts des bestehenden Engpasses einen Durchbruch zu ermöglichen. Nach den drei Entschließungen zum Thema Erweiterung, die das Parlament im Juli und November letzten sowie im Februar dieses Jahres angenommen hatte, wußten wir, daß die institutionelle Frage für das Parlament von allergrößter Bedeutung ist. Von Ihnen wurden Lösungen gefordert, durch die eine effiziente Beschlußfassung in der Union nicht behindert wird. Die Kommission hat gestern zusammen mit der Troika aktiv an der Erarbeitung von Kompromißlösungen mitgewirkt, von denen wir annehmen konnten, daß sie akzeptiert würden. Das war jedoch anscheinend noch nicht der Fall. Vom Ratspräsidenten wird jetzt beabsichtigt, die Beratungen im Rahmen der sogenannten &dqml;Gymnich-Runde&dqmr; der Außenminister fortzusetzen, die am kommenden Wochenende - auch in Anwesenheit der Kommission - in Griechenland stattfinden wird.
Die Kommission hofft, daß die verschiedenen Ausschüsse des Parlaments durch diese delikate institutionelle Frage nicht daran gehindert werden, ihre Arbeiten aufzunehmen, um die ihnen vom Rat und der Kommission vorgelegten Verhandlungsergebnisse zu prüfen. Es ist uns zwar bewußt, daß ihnen damit von uns ein schwieriger und heikler Auftrag erteilt wird, doch halten wir ihn für äußerst wichtig.
Die Kommission ist nach wie vor der Überzeugung, daß es politisch gesehen äußerst wichtig ist, daß der Erweiterungstermin eingehalten wird, und dies bedeutet, daß der Beitritt der neuen Länder am 1. Januar nächsten Jahres erfolgen muß. Wir wissen nicht - was auch schwer abzuschätzen ist -, welcher Schaden durch den derzeitigen Engpaß in der öffentlichen Meinung der Beitrittsländer angerichtet wird, die auf die positiven Ergebnisse der getroffenen Übereinkünfte erstmals auch positiv zu reagieren scheint, deren Begeisterung jedoch verlorenzugehen droht, wenn die derzeitigen Probleme im Zusammenhang mit der institutionellen Frage nicht rasch gelöst werden. Es ist auch äußerst schwierig, der öffentlichen Meinung in den Beitrittsländern klar zu machen, was hier genau auf dem Spiel steht. Daß die Verhandlungen in eine Sackgasse geraten sind, bedeutet eine große Enttäuschung, insbesondere auch für die Regierungen der beitrittswilligen Länder.
Wir dachten, daß durch einen erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen der Union neue Impulse verliehen wurden. Ich befürchte jedoch, daß diese neuen Impulse verlorengehen werden, wenn der für die Erweiterung vorgesehene Zeitplan nicht eingehalten werden kann, was bedeuten könnte, daß wir eine historische Chance verpaßt haben. Das war es nun, was ich Ihnen mitteilen wollte.
In Großbritannien sagt die britische Regierung unglaublicherweise, daß sie den Status quo erhalten wolle und daß die anderen Mitgliedstaaten für eine Änderung der Dinge kämpften. Kann irgend jemand dem britischen Volk tatsächlich die Schuld dafür geben, daß es nicht versteht, was vor sich geht, wenn seine eigene Regierung ihm derartig glatte Lügen erzählt. Die Labour-Abgeordneten unterstützen zusammen mit ihren Partnern in der Sozialistischen Fraktion die Notwendigkeit einer Änderung der Sperrminorität auf mindestens 27 Stimmen, damit der Status quo wirklich erhalten und zumindest gewährleistet wird, daß es im Entscheidungsverfahren in der Europäischen Union zu keiner institutionellen Verschlechterung kommt.
Der Kommissar erkennt sicherlich, daß die britische Regierung durch ihre skrupellose und offene parteipolitische Obstruktion in dieser Frage den gesamten Erweiterungsprozeß gefährdet. Wir wissen, daß die Erweiterungsvereinbarungen ein heikles und sorgfältig geschnürtes Paket darstellen. Pflichtet der Kommissar mir darin bei, daß die britische Regierung, indem sie diese ganze Frage am Ende der 18 Monate dauernden sorgfältigen Verhandlungen aufwirft, eine Frage, zu der sie bereits auf dem Lissaboner Gipfel im Juni 1992 ihre Zustimmung gegeben hatte, es für das Parlament außerordentlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich macht, seine Zustimmung zum Erweiterungspaket bis zum Ende unserer Wahlperiode zu erteilen? Dadurch gefährdet sie auch das gesamte Paket, das noch einmal neu verhandelt werden müßte, und zwar nur wegen ihres skandalösen Verhaltens und ihres Wunsches, die eigene Partei im Vorfeld der Europawahlen zu beeinflussen und zusammenzuhalten.
(Beifall)
Meine Fraktion vertritt mit großer Mehrheit die Ansicht - und auch meine britischen Kollegen schließen sich dem an -, daß diese 27 Stimmen von essentieller Bedeutung für das Parlament sind.
(Beifall)
Wir bitten den Vertreter der Kommission, dies noch einmal zu verdeutlichen, wenn er jetzt nach Griechenland fährt. Es gibt noch mehr Fragen, die das Parlament aufgeworfen hat. Auch da wird ein Signal vom Rat erwartet, insbesondere betreffend die Maastrichter Verträge. Für mich ist es ganz und gar ausgeschlossen, die Maastrichter Verträge jetzt in irgendeiner Form noch einmal zu ändern. Wer das anstrebt, ist nicht für den Beitritt dieser vier Staaten, da sollten wir ehrlich vor uns selbst sein!
Wir müssen daher mit Nachdruck gemeinsam die Forderung nach den 27 Stimmen bekräftigen, und ich wiederhole, meine britischen Kollegen unterstützen das. In dieser Frage besteht in unserem Parlament große Einigkeit, abgesehen von wenigen Kollegen, die meinen, man könnte da noch eine Zwischenform finden.
Frau Präsidentin, ich spreche von der großen Mehrheit unserer Fraktion. Daß es in unserer Fraktion eine Minderheit gibt, die anderer Auffassung ist, weiß jeder, und das wird auch bei Ihnen so sein. Wenn wir jetzt beraten, werden wir ja sehen, zu welchem Ergebnis wir kommen. Auf jeden Fall sollte jedem folgendes klar sein: Wir haben hier eine vielleicht historische Chance, die wir verspielen, wenn wir nicht zustimmen.
(Beifall)
Herr Kommissar, Sie sagten, man habe 13 Monate gebraucht, um einen Vertrag auszuhandeln. Allerdings muß man dieses Wort Vertrag in Anführungszeichen setzen. Handelt es sich denn wirklich um einen Vertrag? Offensichtlich fehlt ein wesentliches Merkmal, nämlich die institutionelle Komponente, und dies überrascht uns sehr. Sie haben die drei Entschließungen des Europäischen Parlaments zitiert. In all diesen Entschließungen wurde das institutionelle Problem besonders herausgestellt. Wie kann man 13 Monate lang diesen Erweiterungsprozeß und diese Verhandlungen laufen lassen, ohne gleichzeitig das institutionelle Problem zu regeln? Auf der Ziellinie stellt sich dann ganz plötzlich diese Frage, und beschwört eine schwere Krise innerhalb der Union herauf.
Herr Kommissar, das Problem, um das es nun geht, besteht darin, ob in Ioannina in Griechenland ein Kompromiß möglich ist oder nicht. Eines möchten wir Ihnen sagen. Auf der Grundlage eines institutionellen Rückschritts ist kein Kompromiß möglich.
(Beifall)
Sie sagten, daß dieses Problem in die Zuständigkeit des Rates falle. Es fällt auch in Ihre Zuständigkeit, denn die Kommission ist die Hüterin der Verträge, und das sollten wir nicht vergessen.
(Beifall)
Und daher wenden wir uns an die Kommission, an die Hüterin der Verträge.
Herr Kommissar, geben Sie bekannt, was die Presse bereits geschrieben hat, was den Rat und auch Ihnen bekannt ist und was auch unsere Kolleginnen und Kollegen von der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas und der Europäischen Volkspartei soeben sagten, daß Sie für einen institutionellen Rückschritt und für 27 Stimmen bzw. 23 Stimmen unter bestimmten Voraussetzungen keine Zustimmung von dieser Versammlung erhalten können, weil eine überwältigende Mehrheit dagegen ist, es sich nicht lohnt, auf einer solchen Grundlage eine Abstimmung vorzunehmen.
(Beifall)
Herr Kommissar, seien Sie so nett und sagen Sie in Ioannina - und teilen Sie dies bitte auch Herrn Präsident Delors mit -, daß wir keine Heuchelei, sondern Klarheit möchten. Wir sagen Ja zur Erweiterung und möchten im übrigen wissen - das ist eine Frage, die ich Ihnen hiermit stelle -, ob Sie uns sagen können, wann das Parlament über die Beitrittsverträge in allen Sprachen verfügen wird, damit wir wissen, ob wir die Möglichkeit haben, diese zu prüfen oder nicht; wir stellen damit unsere Flexibilität unter Beweis.
Wir sagen also Ja zur Erweiterung, aber ganz bestimmt Nein zu einer Schwächung der Entscheidungsfähigkeit der Union. Die Verantwortung liegt bei Ihnen. Wir hoffen, daß Ihnen die Erweiterung gelingt. Allerdings sollte man sich in Ioannina sehr klar äußern und keine künstlichen Unklarheiten zulassen, und dem Parlament eine Verantwortung zuschieben, die nicht ihm, sondern den anderen Institutionen zufällt.
(Beifall)
Die zweite Frage an den Herrn Kommissar: Sind Sie bereit, uns darin zu unterstützen, daß wir uns nicht auf das Verfahren des Ausschusses der Weisen einzulassen brauchen, der unseres Erachtens nach wie vor ein zwischenstaatliches Gremium bleiben wird? Sollten wir daher nicht eine andere Formel vorziehen, nämlich eine interinstitutionelle Konferenz gemeinsam mit der Kommission, dem Rat und natürlich unserer eigenen Institution? Denn mit Hilfe der Regierungskonferenz wird es nicht möglich sein, eine echte Mitwirkung zu gewährleisten und die Klippen des Vertrags von Maastricht zu umschiffen. Gleichwohl wäre diese Lösung natürlich ein Notbehelf verglichen mit einer echten institutionellen Mitentscheidung.
Es ist mir aber nicht bekannt, Herr Kommissar, daß der Rat das Parlament um eine Stellungnahme zur Frage des Beitritts irgendeines dieser vier Beitrittsländer aufgefordert hätte. Ich kann mich nicht daran erinnern und frage mich, in welcher Phase des Beitrittsverfahrens wir uns befinden. Als Hüter der Verträge tragen Sie die Verantwortung, Herr Kommissar. Da wir uns noch mitten in den Verhandlungen befinden und noch nicht abgestimmt haben, wie das in Artikel O Absatz 1 des Vertrags von Maastricht vorgesehen ist, würde ich es begrüßen, wenn Sie mich in ihrer Eigenschaft als Hüter der Verträge über diese Fragen aufklären würden, Herr Kommissar.
Gibt es denn überhaupt keine Stabilität im Gemeinschaftsrecht? Das institutionelle Recht hängt demnach von der jeweiligen politischen Mehrheit ab und ist keiner Normenhierarchie unterworfen. So etwas ist Rechtsbarbarei. Sollte man nicht endlich die Diskussion über die Beitrittsfrage von der institutionellen Debatte trennen, wenn man diesen widerlichen Eindruck beseitigen möchte?
1996 steht ohnehin eine Revision des institutionellen Aufbaus der Union an. Weshalb kann also mit der institutionellen Frage nicht gewartet werden, sodaß auch den neuen Mitgliedstaaten eine Mitsprache ermöglicht wird? Die künftige Struktur Europas ist es wirklich wert, daß darüber eine gesonderte und eingehende Aussprache geführt wird.
Meines Erachtens können wir es uns nicht leisten, die Erweiterung dieser Frage wegen aufs Spiel zu setzen. Die Erweiterung verdient hohe Priorität, nicht zuletzt als Zeichen in Richtung der mittel- und osteuropäischen Länder. Im Interesse ihrer eigenen Entwicklung - aber auch im Hinblick auf die Stabilität Europas - müssen diese Länder wissen, daß sie die nächsten Beitrittskandidaten sind.
Erstens, ist das Kommissionsmitglied nicht mit mir der Meinung, daß der Grund, weshalb der Beitritt der EFTA- Länder vom Vereinigten Königreich unmittelbar nach Verabschiedung des Maastrichter Vertrags begeistert begrüßt wird, ausschließlich, und ich wiederhole ausschließlich, darin liegt, daß es die Beschlußfassung innerhalb der Union sowie die Errungenschaften des Maastrichter Vertrags so rasch wie möglich wieder aushöhlen möchte, und nicht etwa, wie von ihm zu verstehen gegeben wird, in seinen jahrelangen freundschaftlichen Beziehungen zu diesen Ländern?
Zweitens, das Kommissionsmitglied hat bereits auf die möglichen negativen Folgen der gegenwärtigen Probleme auf die öffentliche Meinung in den Beitrittsländern hingewiesen. Ich möchte den Herrn Kommissar bitten, noch etwas deutlicher zu werden und darin zuzustimmen, daß durch ein solches schamloses Verhalten nicht nur die öffentliche Meinung in den beitrittswilligen Ländern negativ beeinflußt wird, sondern auch die öffentliche Meinung in unseren eigenen Mitgliedstaaten, und daß dies eine Bumerang-Wirkung haben sowie eine tiefe Krise in der Europäischen Union hervorrufen kann. Ja, daß sogar, sofern nicht nächste Woche noch eine Lösung gefunden wird, die große Gefahr besteht, daß sich die Bürger von einem solchen Kuhhandel angewidert distanzieren werden.
Der Kommissar möge wissen, daß sich das Parlament an einem solchen Kuhhandel nicht beteiligen wird!
Zweites Problem: Die Kommission schlägt immer wieder mit großen Engagement Kompromisse über die Anwendung der Sperrminorität vor, wobei sie in diesen Kompromissen insbesondere zusätzliche Fristen vorsieht. Wann werden die Kommission und der Rat mit dieser Flickschusterei aufhören? Wir wissen sehr wohl, daß die vorgeschlagenen Kompromisse mit dem Buchstaben der Verträge und vor allem mit dem Mitentscheidungsverfahren nach Artikel 189 b Absatz 5 und 6 unvereinbar sind, in dem die Entscheidungsverfahren des Rates innerhalb genau festgelegter Fristen geregelt sind; diese Regelungen sind mit den von Ihnen unterbreiteten Vorschlägen unvereinbar. Wir begrüßen Herrn Delors' mutige Wende von gestern, aber ich bitte Sie, bleiben Sie sich treu. Hören Sie auf mit dieser Flickschusterei, hören Sie auf, Kompromisse vorzuschlagen, die weder Hand noch Fuß haben und zu nichts nütze sind. Sie schauen etwas erstaunt drein, Herr Kommissar. Der Ratspräsident sagte uns heute morgen, er habe gemeinsam mit Ihnen während der Nacht einen Kompromiß ausgebrütet, der uns aber völlig unzureichend erscheint. Vielleicht hat der Ratspräsident sich geirrt. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns das bestätigen könnten. Auf jeden Fall bitten wir Sie, morgen und übermorgen genauso hart aufzutreten wie gestern.
Nach all dem, was der Rat getan bzw. nicht getan hat, fragt man sich, ob es auch nur einen einzigen Kollegen gibt, der die Auffassung vertreten kann, daß dieser Rat, der nicht einmal in der Lage ist, zwei und zwei zusammenzuzählen, und sich nicht auf eine Sperrminorität verständigen kann, in weniger als zwei Jahren die enorme Verantwortung übernehmen kann, im Rahmen der Regierungskonferenz die Verträge zu überprüfen. Was zur Zeit geschieht, zeigt auf absurde Weise, daß dieses Parlament recht hat, wenn es behauptet, daß man eine Erweiterung ohne gleichzeitige Vertiefung nicht zulassen kann. Die aktuellen Ereignisse beweisen, daß die nächste Regierungskonferenz zwangsläufig in einer Sackgasse der Ohnmacht landet und Europa zum Scheitern verurteilt ist, falls wir nicht alle reagieren, und vor allem falls die Kommission nicht alle institutionellen Probleme zur Diskussion stellt, anstatt sich darauf zu beschränken, die Frage der Sperrminorität zu behandeln.
(Beifall)
Ist sich der Kommissar der Heuchelei des Vereinigten Königreichs nicht bewußt, das ein härteres Abstimmungsverfahren in bezug auf die Erweiterung anstrebt und doch ein leichteres Abstimmungsverfahren bei grundlegenden Änderungen der gemeinsamen Fischereipolitik und Fragen des norwegischen Zugangs zu Fischgründen akzeptiert, wo das Land rein rechtlich auf Einstimmigkeit hätte bestehen können. In diesem Fall aber will es ein härteres Abstimmungsverfahren. Ist es nicht bemerkenswert, daß Deutschland, Frankreich und Italien darauf vertrauen, daß die künftige erweiterte EU fair ist. Warum kann das Vereinigte Königreich dies nicht tun?
Die Entschließungen des Parlaments, besonders die vom November vergangenen Jahres, in der wir einen interinstitutionellen Dialog forderten, sind beim Rat auf taube Ohren gestoßen. Unter diesen Umständen kann eine Erweiterung nicht vorgenommen werden. Darüber hinaus müssen wir das Problem der öffentlichen Meinung in den beitrittswilligen Ländern, insbesondere Norwegen, beachten, was wir auch nicht gerade sehr aufmerksam tun.
Ich möchte meine uneingeschränkte Unterstützung für die Haltung dieses Parlaments bekunden und will hier ganz klar zwischen der britischen und der spanischen Position unterscheiden, wozu mir meine Zugehörigkeit zu einer Partei, die weder die Innenpolitik der spanischen Regierung unterstützt noch mit der wichtigsten Oppositionspartei koaliert, vielleicht eine gewisse Autorität verleiht. Die beiden Positionen können nicht als vergleichbar betrachtet werden. Es ist ganz klar festzuhalten, daß Spanien für eine doppelte Sperrminorität eintritt, die wahrscheinlich weder eine Reform des Vertrags noch eine Änderung der institutionellen Gegebenheiten erfordern wird. Doch sie verlangt, daß die Rückwirkungen der Erweiterung auf die Nord-Süd-Beziehungen innerhalb unserer Gemeinschaft berücksichtigt werden. Im übrigen kann ich nur mit allem Nachdruck unterstützen, daß bis zur geplanten Vertragsreform 1996 Flexibilität und Dialog herrschen müssen.